navigation

"Praxis und Theorie"

Ein neues Unterrichtsgefäss verbindet Theorie und Praxis mit offenen Lehrformen.

Mit der neuen Ausbildungsstruktur NOVA hat sich der Anteil an selbstverantwortetem Lernen deutlich erhöht: Fallstudien, Formen des kooperativen und situierten Lernens sowie das Lernen im Praxisfeld füllen nun etwa die Hälfte der Studienzeit an der PHSH aus. Entscheidungen, die den späteren Berufsalltag prägen, werden so vermehrt in das Studium integriert. Es gilt, nicht nur Antworten auf Wissensfragen zu finden, sondern in offenen, praxisbezogenen Arrangements Kernprobleme von «Schule geben» zu bearbeiten. Damit verbunden sind für die Studierenden

-Entscheidungen betreffend das Wahlverhalten: Soll ich viele Inhalte, Überblick gewinnend, bearbeiten oder wenige Inhalte vertieft, tief schürfend?

-Orientierung im Team, Fragen der Arbeitsorganisation und der Gruppenbildung: Schliesse ich mich Interessensgruppen an oder heterogenen Gruppen, die sich durch Gegensätze stimulieren?

-Art der Aufgabenstellung: Soll ich eher vorstrukturierte, didaktisierte Aufgaben bearbeiten oder die Problemstellung in eigener Regie angehen – entdeckend und mir einen eigenen Reim daraus machend?

-Fragen der Motivation: Betrachte ich die Aufgabe oder Problemstellung als Pflicht (extrinsisch motiviert) oder Kür (intrinsisch motiviert)?
Studierende sollen innerhalb dieser Spannungsfelder Erfahrungen machen können. Dazu brauchen sie Freiräume, Gestaltungsmöglichkeiten innerhalb der sonst rigide definierten Zeitgefässe nach der Bologna-Reform. Solche Zeiträume bieten die vier Lernfelder innerhalb des Studiums. Gleichzeitig bilden sie eine Erfahrungsgrundlage, damit ähnlich offene Lehrmethoden später im eigenen Unterricht eingesetzt werden können.

Was ist ein Lernfeld?

Ein Lernfeld ist zunächst ein grosszügig bemessenes Zeitgefäss im Stundenplan: Während eines Semesters stehen ein Vormittag respektive 4 ECTS-Punkte zur Verfügung. Eine Einführung ins Hauptthema sowie Inputs zu Teilthemen werden von Dozierenden verantwortet. Der Hauptteil der Arbeit geschieht aber in Lerngruppen: Hier wird ein Projekt, eine Fragestellung oder eine Fallstudie selbständig bearbeitet. Die Ergebnisse gilt es am Schluss im Plenum zu präsentieren und schriftlich zu dokumentieren. Dozierende unterstützen diese Arbeit und gewährleisten, dass bei aller Autonomie zuvor definierte Qualitätsstandards eingehalten werden.

Inhaltlich geht es in den Lernfeldern um zentrale, fachlich übergeordnete Fähigkeiten des Lehrberufes. Situationen aus dem Schulalltag werden in vier Semesterveranstaltungen interdisziplinär bearbeitet, da gerade im komplexen Aufgabenfeld von Beurteilen und Fördern, im Vermitteln guter Lernstrategien, im Erfassen der Umwelt von Kindern und im Verstehen des Netzwerkes Schule nur breit vernetzte Lösungsansätze fruchtbar sind. Die einzelnen Fachdisziplinen müssen dabei ihre Prinzipien und Lernkonstrukte zur Diskussion stellen – so findet innerhalb der Lernfelder auch ein fruchtbarer Austausch zwischen den Fachbereichen der Zielstufe und den allgemeinen Erziehungswissenschaften statt.

Im Folgenden eine kurze Präsentation der vier Lernfelder an der PHSH:

Lernfeld 1 «Einblick in Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen»

Von Lehrpersonen wird – mit dem Ziel einer Förderung aller Schülerinnen und Schüler – eine Sensibilität in der Wahrnehmung und im Umgang mit soziokultureller Heterogenität gefordert. Dazu soll gleich im ersten Semester des Studiums mit diesem Lernfeld eine Basis gelegt werden. Die Studierenden beschäftigen sich mit den Fragen:

-Wie wachsen Kinder und Jugendliche in unserer Gesellschaft auf?

-Wie gestalten sie auf dem Hintergrund ihrer je spezifischen sozialen und kulturellen Einbindung ihren Alltag?

-Welches sind die Erfahrungs- und Handlungsräume? Wie konstruieren sie daraus ihre Identität?
Das Kernstück des Moduls ist eine Feldstudie. Sie wird in kleinen Projektgruppen erarbeitet und beinhaltet die Konzeption, Durchführung und Auswertung von Interviews mit Kindern.

Lernfeld 2 «Beobachten, Beurteilen, Fördern»

In diesem Lernfeld steht Praxiswissen zur Beobachtung, Beurteilung, Förderplanung und Förderung von Schülerinnen und Schülern im Zentrum. Angesiedelt im dritten Semester stellt sich hier vor dem Quartalspraktikum die entscheidende Frage, welche Rolle Beurteilungen für das Lernen und für die Motivation spielen. In Kurzinputs werden Verfahren und Instrumente zu Beobachtung, Beurteilung und Förderplanung aus verschiedenen Fachbereichen vorgestellt. Die Studierenden beschäftigen sich u.a. mit folgenden Fragen:

-Trägt die Einführung einer Testkultur zur Verbesserung unserer Schulen bei?

-Kompetenzorientierung statt Mängeldiagnosen: Wie nehme ich Schüler- und Schülerinnen-Leistungen wahr und wie teile ich meine Einschätzung mit?

-Welche Gründe sprechen für vermehrte Selbstbeurteilungen in der Schule?

Im Zentrum des Moduls steht eine in der Praxis durchgeführte Lerneinheit in einem Fachbereich, die eine individuelle, gruppen- und kontextbezogene Beobachtung und Beurteilung erfordert.

Lernfeld 3 «Lernstrategien aufbauen und Lernprozesse begleiten»

Im Rahmen dieses Lernfeldes arbeiten die Studierenden an Fragestellungen, welche Verknüpfungen aus lernpsychologischer und fachdidaktischer Sicht bedingen. Geprägt von den Erfahrungen aus dem Quartalspraktikum reflektieren sie die Begleitung, Förderung und Stärkung der Lernprozesse in verschiedenen Fachbereichen. Sie analysieren Lernsituationen mit den Hauptfragen:

-Wie lernen Schülerinnen und Schüler? Wie gehen sie dabei vor?

-Welche Lernstrategien verbergen sich hinter dem, was die Lernenden tun?

-Wie kann die Lehrperson das Lernen der Schülerinnen und Schüler unterstützen?
Zur Klärung dieser Fragen werden verschiedene Teilprojekte angeboten, die stufenspezifisch und mit unterschiedlicher fachspezifischer Ausrichtung die Lernprozesse der Schülerinnen und Schüler beleuchten.

Lernfeld 4 «Netzwerk Schule»

Dieses Lernfeld befasst sich mit dem Thema Schule auf der Systemebene. Nicht das Verhältnis von Lehrpersonen zu Schülerinnen und Schülern, sondern der Rahmen oder der Kontext, in welchem Schule stattfindet, ist Thema des Lernfeldes. Schulen bewegen sich bei der Umsetzung ihrer Aufgaben stets im Spannungsfeld von Gestaltungsraum und Leistungspflicht. Im letzten Semester ihrer Ausbildung beschäftigen sich die Studierenden darum mit Fragen wie:

-Welches sind die Aufgaben und Zusammenarbeitsformen mit schulnahen Organisationen?

Welche Formen von Aufsicht, von Steuerung bestehen auf verschiedenen Ebenen des Systems Schule?

Wie wird ein wettbewerbsfähiges Bildungssystem geschaffen/erhalten?
Im Dialog mit Akteuren/Akteurinnen und Interessensgruppierungen setzen sich die Studierenden mit einem selbst gewählten Thema, das sie als unterstützend für ihren Berufseinstieg betrachten, vertieft auseinander.

Gerhard Stamm

Dozent für Deutsch- und Musikdidaktik

powered by anthrazit